Konzeption Schulseelsorge

„Rückkehr in die Diakonie habe ich gesagt. Ich meine das Sich-Gesellen zum Menschen in allen seinen Situationen mit der Absicht, sie ihm meistern zu helfen, ohne anschließend irgendwo eine Spalte und Sparte auszufüllen. […] ‚
Geht hinaus‘ hat der Meister gesagt und nicht ‚Setzt euch hin und wartet, ob einer kommt.“

Was für uns gute und gelingende Schulpastoral ist

Von Susanne Münch-Kutscheid

Schulentwicklung seit "PISA"
und ihre Vereinbarkeit mit dem Konzept von Schulseelsorge

Schule hat auf den PISA-Schock der letzten Jahre verstärkt mit Schulentwicklungsprogrammen und Qualitätsmanagement reagiert, um sich zu positionieren und deutlich zu machen, dass sie angesichts der drängenden Bildungsmisere umfassend reagiert. In diesem Bereich gibt es – sicher auch ausgelöst durch die Bildungshoheit der Länder – verschiedene Modelle und Ansätze. Hans Mendl weist auf drei Grundtendenzen hin, wie Schule aktuell gedacht wird – wobei darauf hinzuweisen ist, dass wohl keine dieser Haltungen in Reinform auftreten wird, sondern sich eher Mischformen in der Wirklichkeit zeigen. Er nennt

  1. Schule als effiziente und weltweit konkurrenzfähige Bildungseinrichtung mit dem Ziel im weltweiten Wettbewerb besser da zu stehen. Die Haltung geht häufig einher mit der Ablehnung neuerer pädagogischer Konzepte mit der Begründung, dass der wahre Lernort das Leben sei.
  2. Schule als Bildungs- und Erziehungseinrichtung, als wertorientiert-erzieherisch ausgelegte Größe mit der Betonung des Bildungs- und Erziehungsauftrages der Schule und Fokus auf die Vermittlung von ethischen und sozialen Kompetenzen (vielleicht mit dem Ziel des Ausgleichs familiärer Erziehungsdefizite) und
  3. Schule als Lern- und Lebensraum , als Haus des Lernens und Lebens. 

Diese genannten Grundtendenzen bieten der Schulseelsorge natürlich unterschiedlich guten Nährboden. Auf diesen Nährboden und die Offenheit der Schulen ist Schulseelsorge auch faktisch angewiesen, denn sie ist „im Vergleich zum Religionsunterricht rechtlich nicht abgesichert. Sie ist ein freies Angebot der Kirche an die Schule. Weder kann die Schule einen Rechtsanspruch auf die Leistungen der Schulseelsorge anmelden, noch kann die Kirche einen rechtlich abgesicherten Ort der Schulseelsorge in der Schule einklagen“.

Entwicklung von Schule findet – so kann man die breite Diskussion vielleicht eingrenzen – unter folgenden Stichpunkten statt: „Lebens- und Erfahrungsorientierung, Subjektorientierung und Prozessorientierung.“  Unter diesen Vorzeichen – zunächst einmal unabhängig davon, wie die konkrete Ausgestaltung in den Schulstandorten aussehen mag – kann Pastoral meiner Ansicht nach gut tätig werden, denn meine pastoralen Ansätze decken sich mit diesen Haltungen und Ideen der aktuellen Diskussion.

Es ist zu beobachten, dass Schule in Folge ihrer neuen Arbeitsfelder im Bereich Schulentwicklung ihre Türen für unterschiedlichste Kooperationspartner öffnet. So werden Beratungsstellen, Parteien, Krankenkassen, freie Träger der Jugendarbeit, Sportvereine und innerhalb dieses pluralen Marktes auch die Kirche zu Ansprechpartnern der Schule.

In diesem Markt nimmt die Kirche nachweislich eine „relativ marginale Stellung“  ein – sicher auch, weil sie sich in der Vergangenheit gegen eine feste Einbindung im Rahmen der Ganztagesbetreuung entscheiden hat. Vielleicht auch, da sie weniger stark mit Material und kurzfristigen Angeboten wirbt als andere Anbieter und eher ein personales und dauerhaftes Angebot stellt, das jedoch schnell aus dem Blick gerät – so habe ich es im letzten Jahr mehrmals erfahren.

Diese Erfahrung sollte jedoch nicht resignativ werden lassen, denn „die Kirchen haben etwas beizutragen, wenn es um die Humanisierung des Lebensraumes Schule geht“  und brauchen sich auf dem Markt der Angebote zwar nicht zu verstecken, müssen sich jedoch klar positionieren. Denn so positiv die Öffnung der Schule auf der einen Seite ist, sie ist auch eine große Herausforderung für die Kirche und jeden Seelsorger vor Ort, die die Deutsche Bischofskonferenz bereits 1996 gesehen hat: „Die Begegnung von unterschiedlichen, bisweilen konträren Lebenskulturen und Wertvorstellungen, die zunehmende Individualisierung von Lebenslagen und die Pluralität der Lebensformen wie auch gegenläufige Erwartungen bezüglich der Funktionsziele der Schule lassen den Anspruch einer humanen Schule wichtiger werden und erschweren gleichzeitig dessen Realisierung.“

 „Was macht die Kirche in der Schule?“
Ein Versuch der Auftragsbeschreibung

In diesem Sinne ist Schulseelsorge das pastorale Angebot, das „die Kirchen zugunsten des Schullebens als Beitrag zur Humanisierung der Schule, als Mitarbeit im Feld schulischer Sozialisation und als Beitrag zur Entwicklung des Schulwesens leisten können.“  Ziel der Schulseelsorge ist es, die Schulentwicklung pädagogisch mitzugestalten, indem sie die Identitätsbildung von jungen Menschen unterstützt und Räume eröffnet, in denen der Einzelne sich weiterentwickeln und entfalten kann. Christlich ausgedrückt meint schulseelsorgliches Handeln die „menschenfreundliche Mitgestaltung des Schullebens unter der Perspektive der frohen Botschaft“  und der Versuch, ausgehend von den Erfahrungen des Menschseins „Grundmuster christlicher Wertorientierung und Lebensgestaltung [zu] erschließen und so einen Beitrag zur Lebensdeutung aus dem Glauben [zu] leisten.“

Die eben genannten Ziele von Schulseelsorge lassen sich prägnant in der folgenden Grafik darstellen:

 

Zusammenfassend möchte ich die Handlungsfelder und Qualitätskriterien vorstellen, die sich aus der Analyse ergeben haben und die mir in meiner Arbeit wichtig geworden sind. Es lassen sich zunächst drei Handlungsfelder von Schulpastoral nennen:

  1. Diakonia, also die Hilfe für den Einzelnen oder eine Gruppe. Diese Hilfestellung geht aus vom sensiblen Wahrnehmen individueller Notsituationen und sozialer Brennpunkte. Da die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen heute die Identitätsfindung junger Menschen erschweren, muss ein Schwerpunkt der Seelsorge heute „das diakonische Handeln sein, welches den Menschen in der Entdeckung und Entfaltung seiner sozialen religiösen und moralischen Persönlichkeit in den Mittelpunkt rückt.  Das Ziel dabei ist es, wie in den Leitlinien für die Schulpastoral im Bistum Trier treffend formuliert „die Menschenfreundlichkeit Gottes auch in der Schule aufleuchten zu lassen.“
  2. Kommunikation, also das Gesprächsangebot (und Zuhörangebot) und die Offenheit mit dem Gegenüber über Sinnfragen ins Gespräch zu kommen. Dieses Handlungsfeld geht aus von der anthropologischen Einsicht, dass der Mensch als Kommunikationswesen, als dialogisches Wesen, angelegt ist und sich und sein Personsein im Sprechen vollzieht. .
  3. Koinonia, also ein gemeinschaftsstiftendes Handeln mit dem Ziel, die Gemeinschaft aktiv mit- und ausgestalten. Dieses Feld speist sich aus dem Vorbild Christi, der Menschen aus der Vereinzelung wieder in die Gemeinschaft integriert hat (wie den Zöllner, die Ehebrecherin, die Kranken) und in seiner ganzen Verkündigung die Sammlung und das Zusammenkommen der Menschen als zentrales Thema gepredigt hat.

Ausgehend von meiner Analyse lassen sich abschließend fünf Qualitätskriterien von Schulpastoral nennen:

  1. Der situative Ansatz und die Orientierung am Dreischritt Sehen – Urteilen – Handeln. Eine Maßnahme, die sich aus diesem Dreischritt ergibt, wird zu der Schule, der Klasse und der Situation passen und nicht als etwas erscheinen, das „von Außen“ an das System Schule herangetragen wurde.
  2. Die Grundhaltung, dass der Mensch mit seinem Sorgen und Nöten im Mittelpunkt steht. Wenn Schulseelsorge sich daran orientiert, läuft sie nicht Gefahr, verzweckt zu werden und wird dort tätig, wo ihre Unterstützung gebraucht wird: Beim Menschen.
  3. Die Schule ist längst nicht mehr „katholisch“ und Schulseelsorge muss diese Wirklichkeit ernst nehmen. Eine Folge daraus ist die Gastfreundschaft, die sich in offenen Angeboten zeigt – offen für alle, egal welcher Konfession oder Religion sie angehören.
  4. Obwohl Schule ein enges System ist, ist das Prinzip der Freiwilligkeit in der Schulseelsorge zentral. Die Schüler dürfen selbst entscheiden, ob sie ein Angebot wahrnehmen oder nicht und auch, in welchem Rahmen sie persönliche Dinge mit einbringen – gerade, wenn es um explizit religiöse Inhalte geht.